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2 Wie ,,bekommt`` man Gender?

Lorber unterscheidet zwischen ,,gender - dem Geschlecht als sozialem Phänomen und sex - dem sozialen Phänomen des biologischen Geschlechts.``6 Es gibt im Menschen keine männliche oder weibliche Essenz, keine Form von Weiblichkeit oder Männlichkeit, die ursprünglich in ihr/ihm verankert wäre. Erst durch die sozial zugewiesenen Gender und die damit verbundenen Rollen und Normen werden die Individuen einer Gesellschaft in ihrer ,,Geschlechtszugehörigkeit`` konstruiert.

Die Geschlechtszuweisung eines Menschen bezüglich seines biologischen Geschlechts in eine Geschlechtsklasse beginnt bei der Geburt durch Zuordnung nach Begutachtung der primären Geschlechtsorgane der Säuglinge.7

Wurde die jeweilige Zuordnung getroffen, setzt sich ein fortwährender Sortierungsvorgang in Bewegung, der die zum einen oder anderen Geschlecht (dichotome Geschlechtskategorie) als zugehörig definierten Personen in dieses Denkmuster einordnet. Es lagert sich als Folge davon ,,eine geschlechtsklassenspezifische Weise der äußeren Erscheinung, des Handelns und Fühlens objektiv über das biologische Muster, die dieses ausbaut, mißachtet oder durchkreuzt.``8

Die Geschlechtszuweisung anhand der Genitalienbestimmung kann nach neueren biologischen Erkenntnissen nicht mehr ganz so eindeutig zur Unterscheidung nach biologischem Geschlecht angesehen werden, wie angenommen. Schon seit Mitte des 19.Jahrhunderts ist bekannt, daß die Körper von Frauen und Männern mit Ausnahme der Geschlechtsorgane einander ziemlich gleich sind, auch ,,entwickeln sich [...] männliche und weibliche Genitalien aus dem gleichen Fötalgewebe.``9 Es gibt unterschiedliche Organe, verschiedenes Auftreten von Chromosomenpaaren und Drüsen, die Unterschiede zwischen dem biologischen weiblichen und männlichen Körper feststellen lassen. Prinzipiell werden in der modernen biologischen Forschung jedoch männliches und weibliches Geschlecht nicht unweigerlich als zwei einander entgegengesetzte Kategorien angesehen, sondern als ein Kontinuum aus genetischem Material, den Keimdrüsen und den Hormonen,

,,wobei die einzelnen Kriterien, die zur Geschlechtsbestimmung herangezogen werden, weder notwendig kongruent sein müssen noch als unabhängig von der Umwelt aufgefaßt werden können.``10

Durch die Geschlechtszuweisung nach der Geburt wird jedoch ausschließlich aufgrund der Beschaffenheit des zu diesem Zeitpunkt einzigen nach außen sichtbaren Unterschiedes - des Genitals - der Grundstein und auch die Begründung dafür gelegt, daß ein Mensch in seinem gesamten weiteren Leben nun auf sozialer Ebene einer der zwei Geschlechtskategorien zugeordnet wird.11

Bereits Garfinkel formulierte 1967 in seiner Studie über Transsexuelle, daß wir es bei einer Geschlechtszuweisung von Personen innerhalb eines zweiseitigen Klassifikationssystems nicht mit einer natürlichen Ordnung zu tun haben, sondern mit einem Ergebnis sozialer und gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse. Seine These der Omnipräsenz der Geschlechterdichotomie besagt, daß es keinen Ort außerhalb des gesellschaftlich geschaffenen Systems von Mann und Frau gibt. Er führt das in seiner Studie als Hauptproblem von Agnes, einer jungen Transsexuellen, an, daß sie eben auch nur als Mann oder Frau sozial existieren kann. Sie versucht daher als Frau zu überzeugen, indem sie gängige Rollenklischees 120%-ig übernimmt und darstellt.

,,Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.``12 Beauvoirs Bezug auf die soziale Konstruiertheit der Rolle der Frau läßt sich meines Erachtens jedoch auf beide gesellschaftlich etablierten Geschlechter übertragen. Im Laufe des Lebens eines jeden Menschen, von der Geburt bis zum Tod spielt das soziale Geschlecht eine essentielle Rolle, man lernt weiblich oder männlich zu sein, sich entsprechend der jeweiligen Normen und Erwartungshaltungen für das soziale Geschlecht zu verhalten.


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