next up previous contents
Nächste Seite: 7 Zusammenfassung der Ergebnisse Aufwärts: 6 Ergebnis Vorherige Seite: 8 Das Objekt   Inhalt

9 Die gute Mutter

Tragendes symbolisches Element dieses Typus ist jenes der mütterlichen Liebe und der Mütterlichkeit per se. Es wird vermittelt, daß diese primär aus Hinwendung, Harmonie und Zärtlichkeit bestünde, die eine Frau ihren Kindern entgegenbringen oder schaffen müßte. Eine Mutter - so wird vermittelt - ist ein ätherisches und weitgehend asexuelles Wesen, das in ihrem Bestreben, Harmonie zu schaffen und Unstimmigkeiten zu vermeiden, in Gefahr gerät, an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit zu stoßen. Es werden zwar Doppel- und Dreifachbelastungen thematisiert, die Anstrengungen und Leistungen, die damit verbunden sind, werden jedoch zu Lasten der Frauen gelegt. Gemeinsam mit einer gewissen Heroisierung des Mutterdaseins wird vermittelt, daß eine Frau nichts davon abhalten darf, diese erste Priorität - als Mutter - in jedem Fall zu erfüllen. Es kann also festgehalten werden, daß der Anspruch der vollen Leistungsfähigkeit als Norm einer leistungsorientierten Gesellschaft auch in jenen Bereichen vorherrscht, die nicht mit Beruf im Sinne von Lohnarbeit verbunden werden. Um diese Funktionstüchtigkeit der Mutter aufrechtzuerhalten wird jedoch nicht propagiert, an den Strukturen, die die Anstrengungen - und somit die ,,Leistungsschmälerung`` - herbeiführen, Änderungen vorzunehmen, sondern Symptombehandlung in der Art von medizinischer Unterstützung - zur Kräftigung - zu betreiben. Insofern werden nicht die Strukturen, die Kraft fordern, sondern die scheinbar mangelnde Leistungsfähigkeit des weiblichen Körpers problematisiert.

Muttersein wird als eine natürliche Berufung vermittelt, die durch eine (geistige, empatische) direkte Verbindung der Frau zu Kindern erklärt wird. Die Sozialisation von Mädchen verläuft geradlinig zu einer Mutterschaftsrolle hin, es wird angenommen, die Erfüllung des Frauseins liege letztlich in der Mutterschaft, in der sie natürlich entsprechende Verhaltenserwartungen zu erfüllen hätte:

,,Passivity, compliance and selflessness are encouraged in girls while boys are expected to be independent, active and assertive. [...] All girls are socialised into a sexual identitiy centred in motherhood, regardless of wheter or not they later also have the opportunity to achieve educational success and make their own careers.``254

Frauen, die unfruchtbar sind, konnten bisher nichts anderes tun, als sich damit abzufinden, die gesellschaftlichen Ansprüche nicht ,,erfüllen`` zu können. Aufgrund der ,,Fortschritts`` in der Entwicklung diverser Reproduktionstechnologien wächst nun jedoch der Druck bei Kinderlosigkeit, auch eine Reideologisierung der Mutterschaft kann in diesem Zusammenhang verzeichnet werden.255

,,Ihre ,Unfruchtbarkeit` ist nunmehr behandelbar, und sie [die Frau] muß sich in gewissem Sinn aktiv dazu entschließen, sich nicht behandeln zu lassen. Auf diese Weise verfestigen diese Technologien die Mutterfunktion aller Frauen und verstärken die Internalisierung dieser Rolle für jede einzelne.``256

Der Typus der guten Mutter vermittelt einerseits ein Bild der Anstrengungen durch Doppel- und Dreifachbelastung berufstätiger Mütter, gleichzeitig hingegen wird wiederum harmonische, naturverbundene Mütterlichkeit, die als Freizeitbeschäftigung angesehen werden kann, gezeichnet.

Wie sieht die Realität von Müttern nun wirklich aus? Frauen tragen Hauptverantwortung für Haushalt und Familie, die leisten auch den Großteil der damit verbundenen Arbeiten, besonders bei der Kindererziehung.257 Diese ist fast ausschließlich eine Leistung der Mütter (Versorgung, Entwicklung, Schulerfolg), während sich der väterliche Beitrag hierzu auf gemeinsames Spielen, Ausflüge oder andere Freizeitaktivitäten beschränkt.258

,,Die Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushalt und Kinder führt dazu, daß erwerbstätige Frauen und Mütter relativ wenig freie Zeit haben.``259

Die Vorstellung, in erster Linie Frauen sollten sich mit Kindern beschäftigen und sich um sie kümmern, wird auch gerne durch mediale Inszenierungen transportiert, die Frauen - aber fast nie Männer - zusammen mit Kindern darstellen. Auf diese Weise wird vermittelt, Frauen hätten ,,von Natur aus`` eine engere Verbindung zu ihren Kindern, besonders aber zu ihren Töchtern (wie dies auch im analysierten Bild gezeigt wird).

,,Kurz, es besteht die Tendenz, daß Frauen in engerer Verwandtschaft mit ihren Töchtern [...] abgebildet werden, als dies bei Männern der Fall ist. Knaben müssen sozusagen kämpfen, um Männer zu werden, was nicht ohne problematische Anstrengung abgeht. Mädchen brauchen sich nur zu entwickeln.``260

Auf diese Weise wird nun ein Bild gezeichnet, das Häuslichkeit als Domäne der Frau vorsieht - eine Vorstellung, die auch durch die ,,Grenzziehung`` zur Öffentlichkeit beim Typus der guten Mutter getragen wird. Im Privaten ist die Frau als Mutter zuständig dafür, die ewige Freizeitstimmung, Harmonie und Behaglichkeit aufrecht zu erhalten, was natürlich nicht ganz ohne Zutun geschieht. So ist auch bei der Analyse des Mutter-Bildes die Frau in einer nicht entspannten Sitzposition abgebildet:

,,Frauen sitzen in der Regel zwar aufrecht, aber ohne Unterstützung, und wirken daher angespannter - ,auf dem Sprung`. fast wie eilfertige Domestiken.``261

Anstrengungen, die Mütter vollbringen müssen, werden zwar auch im Typus der guten Mutter thematisiert und anerkannt, wenn die Frauen jedoch an diesen scheitern oder unter diesen leiden, werden dafür nicht die Strukturen angeklagt, als vielmehr die Schwäche der Frau. Statt zu propagieren, eine Veränderung der Arbeitssituationen, Verstärkung der Einbeziehung der Väter in die Kinderbetreuung oder eine Erweiterung des Angebotes institutioneller Kinderbetreuung zu erwirken, wird Mutterschaft heroisiert262 und - notfalls - medizinisch unterstützt (,,gibt Müttern Nervenkraft``).


next up previous contents
Nächste Seite: 7 Zusammenfassung der Ergebnisse Aufwärts: 6 Ergebnis Vorherige Seite: 8 Das Objekt   Inhalt
susi@metameta.org