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6 Die Verführerin

Der Typus der Verführerin rangiert auf der Ebene einer verderbten Unheilsgöttin, die nichts anderes im Sinn hat, als den Mann mittels ihrer Sexualität willenlos zu machen und ihn ins Unglück zu stürzen. Die Verführerin wird gezeichnet durch ihre Triebhaftigkeit, gleich einem Raubtier ist sie auf der Jagd.

Als zentrale symbolische Elemente transportiert der Typus der Verführerin Genuß und Sexualität. allerdings werden diese in einem Kontext vermittelt, der klar macht, daß die Frau, die diese Elemente anbietet und zur Verfügung stellt, für sich selbst nicht darüber verfügen kann. Es profitiert der Mann, der sich des Genusses durch die Frau und ihrer Sexualität bedient, notfalls auch gewaltsam gegen ihren Willen. Insofern wird jener Eindruck der offensiven, aggressiven Verführerin vollkommen revidiert, die Frau wird zu einem reinen Sexualobjekt, zur Projektionsfläche sexueller Phantasien reduziert.

Gerne wird das Klischee der Frau als Verführerin strapaziert, die durch ihre Schönheit, Sexualität und vielleicht auch noch ein Prise Hexerei den Mann willenlos macht und ihn ins Unglück stürzt. Auch der analysierte Prototyp transportiert dieses Klischee, hier wird die Frau mit zügelloser Sexualität gleichgestellt. Die Frau als Sexualobjekt wird auf ihren naturhaften Trieb, als Triebwesen ohne Moral reduziert.

Durch die Darstellung der Frau als aggressive Verführerin wird vermittelt, die sexuelle Verfügbarkeit, die ihr zugesprochen wird, entspräche in jeder Hinsicht auch ihrem eigenen Willen und macht so die Legitimierung sexueller Gewaltanwendung möglich (Sie braucht das ja, sie hat das so gewollt, sie weiß ja nicht, was wirklich gut für sie ist). Durch Inszenierung sexueller Provokation scheinbar seitens der Frau wird folgende Schlußfolgerung nahegelegt: ,,Frauen wollen gevögelt werden und sonst gar nichts``227 , die Frau wird reduziert auf ein Ding, auf die Beute des Jägers und eine stumme Projektionsfläche.228 , also genau das Gegenteil jener Elemente, mit welchen der Typus auf den ersten Blick attributiert wird.

,,Typisch für diese Verwendung von Frauenbildern ist, daß sie sehr oft den sexuellen Gebrauchswert oder die erotische Attraktivität einer Frau als Vergleichsmoment benutzen und somit das [...] Rezept (Frau = Sex für den Mann) gleichzeitig beibehalten.``229

Diese Beurteilung und Definitionsmacht von Männern über Frauen kann als Ausdruck heterosexueller Praxis angesehen werden.230: Die Frau wird mit der Natur gleichgestellt, über die gleichsam verfügt werden kann, wie es beliebt, eine Praxis, die durchaus Tradition hat.231. Auch der Typus der Verführerin trägt durch Verwendung von naturhaften Symbolen in der Darstellung (z. B. jenes einer Blume oder von katzen- oder raubtierhaften Attributen) Züge, die sie in die Nähe der Natur rücken.

Das Bild der Blume, die - auch gegen ihren Willen - gepflückt wird, wird bereits durch Goethes Gedicht vom ,,Heidenröslein`` transportiert. Schmiedt schreibt in einem Artikel über Codierungen der Vergewaltigung in der Literatur, daß beim ,,Heidenröslein`` Sexualität zwar überhaupt nicht explizit angesprochen wird,

,,aber bei näherer Betrachtung bleibt kaum ein Zweifel, von welcher Art der Vorgang ist, mit dem ein ,wilder` Knabe ein ,Röslein` bricht.``232

In eine andere Richtung als jenes Bild der schwachen, wehrlosen Frau tendiert wiederum die Verwendung von katzenhaften Elementen in der Frauendarstellung. In beiden Fällen jedoch resultiert, daß die Frau zu einer reinen Projektionsfläche sexueller Phantasien reduziert wird.

,,Auch das Bild der Frau als Katze ist naheliegend: Neben dem Instinkt des Raubtieres besitzt die Katze im Populärverständnis eine geheimnisvolle, unzähmbare Natur. Sie läßt sich nicht abrichten, hat einen sehr eigenen Willen, der zu unerwarteten Angriffen mit den messerscharfen Krallen führen kann und ist ein Nachtwesen.``233

Auf den ersten Blick wird durch durch den Typus der Verführerin Konfrontation und Dominanz seitens der Frau vermittelt. Blickt man nun aber ein wenig unter die Oberfläche, wird klar, daß genau jene Elemente, die Aggression oder Selbstbewußtsein in der Weiblichkeitsdarstellung transportieren könnten, durch die übermäßige Betonung von Sexualität aufgehoben werden.234

,,Wenn die Werbung Frauen in breiten und herausfordernden Posen inszeniert, dann gehen ihre machtvollen Konnotationen durch geringfügige Veränderungen oder Kombinationen mit gegenläufigen Zeichen verloren.``235

Somit wird die Frauendarstellung ihrer Kraft beraubt, das auf den ersten Blick vermittelte Durchsetzungsvermögen wird auf zynische Weise ins Gegenteil verkehrt. Sie präsentiert nicht ihre eigenen Wünsche, sie repräsentiert vielmehr die sexuellen Phantasien von Männern.


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