Die strahlend schöne Frau, ,,wie die Natur sie schuf``, steht im Mittelpunkt des Interesses. Somit erfüllt die makellose Schönheit auch eine Art Vorbildfunktion für alle Betrachterinnen dieses Typus: Jugend, Schlankheit und ein der gesellschaftlichen Norm entsprechendes Äußeres werden somit auf ein Podest gehoben. Natürliche Schönheit (wobei die Maßstäbe dessen, was sowohl als ,,natürlich`` als auch als ,,schön`` gilt, einem gesellschaftlichen Konsens entspringen) hat den Status einer Religion, als Ikone des Glaubens an diese fungiert die makellose Schönheit in ihrer natürlichen, naturhaften Äußerlichkeit.
Schönheit jedoch ist vergänglich und zerbrechlich, und wie ein zartes Pflänzlein zu schützen: stark wird vermittelt, daß Top-Form und Fitneß als Voraussetzung für Schlankheit, Schönheit und Wohlbefinden fungieren, was durchaus Konnotationen zu einem darwinistischen Leitbild des ,,Surviving of the Fittest`` - des Stärksten, Agilsten zuläßt.
Schönheit - in Verbindung mit Gesundheit, Schlankheit, Wohlbefinden, aber auch Angenommen-werden - stellt einen zentralen Wert der modernen westlichen Gesellschaft dar. Besonders an Frauen wird der Anspruch herangetragen, vor allem schön zu sein.
Maßstäbe, was als schön gilt und angesehen wird, sind abhängig von Gesellschaft, Kultur und Geschichte, die Attributierung der Frauen allerdings als das ,,schöne Geschlecht`` hat Tradition.194
,,Die Schönheit als Zuschreibung zum weiblichen Geschlecht brachte auch die Verpflichtung mit sich, ,sich schön machen zu müssen`.``195
Diese Verpflichtung zum Schönmachen und die Vorstellung, jede Frau, würde sie sich nur ausreichend anstrengen, könne den Schönheitsidealen entsprechen, bringt viele Frauen, deren Äußeres diesem nicht entspricht, dazu, mit dem eigenen Körper unzufrieden zu sein. Besonders in modernen Industriestaaten sind Eßstörungen unter jungen, weißen Frauen weit verbreitet196 , da diese glauben, der massenmedial inszenierten Vorbildfunktion von extrem schlanken, schönen Models entsprechen zu müssen. Schönheit - so wird auch durch den Typus der makellosen Schönheit vermittelt - hat längst den Status einer Religion, der - auch unter völliger Selbstaufgabe - gehuldigt werden muß:
,,Thinness is not only presented as attractive but associated with success, power and other highly valued attributes. Being overweight, on the other hand, is considered physically and morally unhealthy, ,obscene`. ,lazy`. ,slothful` and ,gluttonous`.``197
Die Konzentration auf ein ästhetisches Äußeres in Verbindung mit einem nackten Frauenkörper - wie beim analysierten Bild verwendet - stellt die Strategie dar, den Frauenkörper als Blickfang zu verwenden und ihn dadurch zu einem Objekt der öffentlichen Kontrolle und Beurteilung zu machen:
,,Die Schönen präsentieren sich zwar im Anblick des anderen und möchten begehrt werden, aber den damit verbundenen Selbstverlust können sie nicht vermeiden. Denn wer der sinnlich Betrachtende und Anschauende ist, [...] darüber können sie nicht verfügen. Der andere hat die Freiheit, mich zum Objekt zu machen, indem er die Freiheit hat, mich in den Blick zu nehmen.``198
Auf die auf diese Weise ,,objektivierten`` Frauen werden im patriarchalen Blick unterschiedliche Maßstäbe angewendet: einerseits soll die Frau Hure, sexuelle Stimulans und Sexobjekt sein, andererseits soll sie sittsam, keusch sein, Madonna und Ehefrau in einem. So wird auch bei der konkreten Darstellung ein ambivalentes Bild gezeichnet: die nackte Frau zeigt sich naturhaft, offenherzig und sexuell. Zu offenherzig darf sie aber auch nicht sein: sie dreht den Betrachtern den Rücken zu, verbirgt sich, gleichzeitig wirft sie wiederum einen lockenden, verführerischen, aber auch unsicheren Blick zur Öffentlichkeit.
,,Schön sein und sich darin nicht objektiviert zu erfahren, sich schön machen, erotische Signale ausstrahlen, aber gleichzeitig unsichtbar sein wollen: das ist der paradoxe Wunsch der Frauen.``199
Oft kann das Argument von Frauen gehört werden, sie würden sich nur für sich selbst schön machen wollen, nach eigenen, selbst definierten Maßstäben. Hier stellt sich allerdings die Frage, woher diese Maßstäbe tatsächlich kommen: diese sind gesellschaftlich und letztlich von Männern definiert.200
Zunehmend wird eine Verbindung zwischen körperlicher Attraktivität und Gesundheit hergestellt: Auch der behandelte Typus trägt den Ruf nach einem ausgeglichenen Lebensstil in sich, ebenso sollen die richtigen, ,,natürlichen`` Produkte jene Mittel sein, um einen jungen, lebensfähigen Körper der ewigen Schönheit zu erhalten. Unterschwellig schwingt mit dieser Philosophie jedoch auch ein darwinistisches Weltbild mit: nur die Stärksten, Kräftigsten, Gesündesten und natürlich Schönsten kommen durch. Und wer nicht schön ist, ist selbst schuld:
,,Das, was das genuine Gut der Frauen sein soll, ihre Schönheit [...] verobjektiviert sich unter der Hand zum bloßen Material, das zu verbessern, zu modellieren und zu verfeinern, zu umhüllen und zu akzentuieren die Schönheitsindustrie unternimmt.``201
Gemeinsam mit der Schönheit-Gesundheit-Wohlbefinden-Symbiose ist auch die natürliche Schönheit bzw. jene, die mit natürlichen Mitteln erzielt wird, zu einem nötigenden Ideal geworden. Ist diese nicht vorhanden oder kann sie nicht wirksam erzielt werden, bleibt immer noch der Gang zum Schönheitschirurgen, um den gewünschten Effekt der Natürlichkeit zu erwirken.
,,Cosmetic surgeons use technological imaging devices to reconstruct the female body as a signifier of ideal feminine beauty. In this sense, surgical techniques literally enact the logic of assembly line beauty: ,difference` is made over into sameness. The technological gaze refashions the material body to reconstruct it in keeping with culturally determined ideals of feminine beauty.``202