Der Bildanalyse kann aus kultursoziologischer Sicht eine große Bedeutung und Wichtigkeit zugesprochen werden, da Bildmaterialien Bestandteile jener symbolischen Ordnung sind, die für die Interaktion wichtige Orientierungsfunktion hat.155
Kultursoziologische Bildanalyse ist Bildanalyse, in deren Zentrum die ,,Rekonstruktion der sozialen Mitteilungsgehalte, der manifesten und latenten Deutungs- und Orientierungsmuster visueller Präsentation``156 steht, sie legt also den Schwerpunkt auf die Inhaltsseite der symbolischen Präsentation.157 Hier wird vorausgesetzt, daß Bilder ihrer Form und ihrem Inhalt nach als Träger von soziokulturellen Mustern als Bedeutungsträger anzusehen sind.
Durch die besondere Zweigliedrigkeit von Bildern - einerseits vermitteln sie eine perzeptive, nicht kodierte Botschaft, andererseits verbergen sich dahinter symbolische Botschaften mit ihrer konnotativen Bedeutung158 - ergibt sich, daß Bilder als ,,Chiffren gesellschaftlicher Sachverhalte``159 zu analysieren sind.
Stefan Müller-Doohm kritisiert, daß jedoch von soziologischer Seite kaum Kenntnis davon genommen wird, daß sich die Wirklichkeit mehr und mehr über das Medium des Bildes vollzieht und es daher bis jetzt kaum Methoden oder Instrumente gäbe, die es ermöglichen würden, manifeste Sinn- und Bedeutungsgehalte von Bildmaterialien zu analysieren.160
Wird als Voraussetzung angenommen, daß sich unsere Kultur, als visuelle Kultur, auf dem Sehen als vorherrschenden Sinn gründet161, muß überlegt werden, wie die Kultursoziologie Bildern sinnverstehend nahe kommen kann. Der Anspruch, soziale Bedeutungs- und Sinngehalte in ihrer visuellen Symbolik zu analysieren, setzt voraus, daß sowohl visuelle Medien als auch das Textmedium als Träger dieser sozialen Bedeutungs- und Sinngehalte fungieren.
Insofern wird bei der Bildinterpretation als struktural-hermeneutische Symbolanalyse mit einem Verfahren des Sinnverstehens gearbeitet, das sich auf die Einheit der Bild-Text-Botschaft bezieht und daher einer Verknüpfung von Bild- und Textanalyse bedarf.162
Es muß jedoch bei diesem Vorgehen beachtet werden, daß Bild und Text sehr wohl unterschiedliche Repräsentationsformen darstellen und daß dem Bild eine gewisse ,,Eigenlogik``163 zugestanden wird. Als Charakteristikum von Bildern benennt Susanne K. Langer den ,,Präsentativen Symbolismus des Bildes``164, der aus Beständen tradierten Wissens schöpft und sich dadurch rekonstruiert, ,,daß die Nonverbalität des Bildes Bestandteil der intersubjektiv verbindlichen Verständigungspraxis ist.``165