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1 Das Kodak Girl

Als ein besonders interessantes Beispiel von historischer kommerzialisierter Frauenabbildung führt Andrea Lange das ,,Kodak Girl`` an.98

Dieses Sujet, das von der Firma Kodak zur Bewerbung einer besonders einfach zu handhabenden Kamera bereits 1892 Verwendung fand, wurde, mit kleineren Adaptierungen, bis zum Jahr 1970 aufgelegt, da es einen besonders hohen Wiedererkennungseffekt hatte.

Die Abbildung zeigte eine junge Frau im blau-weiß-gestreiften Kleid mit einer Kamera in der Hand, die am sonnenbeschienenen Strand von einer frischen Meeresbrise umweht wird. Dieses Bild blieb trotz verschiedener Variationen im Laufe der Zeit im Wesentlichen gleich. Im Gegensatz zum männlichen Reisenden sind die Motive, die das Kodak Girl anvisiert (und die im Hintergrund der Anzeigen abgebildet sind), jedoch nicht jene, die Entdeckerdrang oder die Sehnsucht nach der Weite einer ungezähmten Landschaft ausdrücken: das Spiel der Kinder, häusliche ,,Idylle`` im Campingwagen, etc. sind die Geschehnisse, die der Frau als Schwerpunkt gesetzt werden, was eine ,,Positionierung des Kodak Girls als Behüterin - quasi als Schutzpatronin - der Familienerinnerungen``99 deutlich macht.

Einen Grund für den großen Erfolg dieser Werbung sieht Lange in der Verquickung der Frauendarstellung mit dem Klischee der Urlaubsidylle, welche eindeutig die Zielgruppe und die Botschaft transportiert, daß die beworbene Kamera so einfach zu handhaben sei, daß selbst Frauen in der dargestellten Rolle des Neulings, der Amateurin, in der Lage seien, schnelle Schnappschüsse im Urlaub zu machen. Wesentlich ist jedoch auch die Verbindung dieser Amateurhaftigkeit mit einem gewissen Maß an Professionalität, die durch den sehr sachlich gehaltenen Begleittext erzeugt wird und so auch ein Wechselspiel mit der damaligen Entwicklung in der Fotographie darstellt: Mit der Vereinfachung in der Bedienung von Kameras wuchs die Zahl der Amateur- oder Hobbyfotographen stark an, viele Frauen begannen in ihrer Freizeit selbst zu fotographieren, während die professionelle Fotographie nach wie vor fast ausschließlich von Männern betrieben wurde und diese als ratgebende Instanz für fotographische Belange fungierten.

Bis in die 30er Jahre des 20.Jahrhunderts wurden für die Darstellung des Kodak Girls ausschließlich Zeichnungen anstelle von Fotos verwendet, was nur auf den ersten Blick paradox wirkt: Der Rückgriff auf die Zeichnung erlaubte Weglassungen und Stilisierungen in dieser Frauenabbildung und machte dadurch erst die Entwicklung vom Individuum zum Typus möglich. Dieses konstruierte Frauenbild war somit eine genau kalkulierte Mischung aus dem Typus der ,,Neuen Frau`` mit dem traditionellen und konservativen Verständnis von Weiblichkeit. Die aktive und unabhängige Frau, die zudem modern war und über ein hohes Maß an Mobilität verfügte, und die Frau in der klassischen Mutter- und Hausfrauenrolle, fürsorglich und hinwendungsvoll, wurden in ihrer Verbindung zur ersten ,,Superfrau``, die mühelos alle Ansprüche erfüllte, welche die Erschaffer des Kodak Girls an sie stellten.

Die Entstehung des Typus der ,,Neuen Frau`` sieht Sabine Entner100 im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen des beginnenden 20.Jahrhunderts: Während des ersten Weltkrieges waren viele Frauen erstmals auf sich allein gestellt, viele lernten ihre eigenen Kompetenzen kennen, genauso wie die Erfahrung mit ihrer Eigen- und Selbständigkeit. Teilweise verdienten diese Frauen erstmals ihr eigenes Geld, was sich auf ihr Auftreten in der Öffentlichkeit auswirkte. Auch der Arbeitsmarkt reagierte auf dieses neue Selbstbewußtsein und es entstanden die Berufe der Sekretärin, Verkäuferin und andere.

Die Diskussion um diese ,,Neue Frau`` entsprang vorerst in Auseinandersetzungen der Frauenbewegung, der Kirche, Wirtschaft und den politischen Lagern, spiegelte sich aber nach und nach in den Medien (Film, Zeitschriften, Rundfunk) wieder. Im Endeffekt lagen zwei konträre Rollenbilder vor: eben jenes der ,,Neuen Frau`` (auch mit in sich widersprüchlichen Schattierungen einerseits der Konsumkultur, sexuellen Freiheit und politischem Desinteresse, andererseits der politischen Organisierung), wie auch nach wie vor die Rolle der traditionellen Mütterlichkeit.

Das von der Gesellschaft getragene und von den Medien transportierte Idealbild war die chronologische Erfüllung beider Rollenbilder: zuerst sollte sich die Frau in einer gewissen Selbständigkeit üben, einen Beruf ergreifen, um dann später die konventionellen Rollenansprüche zu erfüllen: die Gründung einer Familie und die Verhaftung im Haushalt.


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