Die Darstellung von Frauen auf Bildern hat jahrhundertelange Tradition, die Malerei bediente sich über alle Epochen hinweg der Abbildung weiblicher Modelle. Diese Bilder hatten jedoch im Grunde genommen eine relativ beschränkte Reichweite: sie waren der Öffentlichkeit nur in Galerien, Museen, etc. zugänglich.
Durch die Entdeckung und Weiterentwicklung diverser Verfahren der Bilddrucktechniken und der Fotographie in ihren Vervielfältigungsmöglichkeiten entstanden erstmals Bilder, die einer breiteren Masse zugänglich waren und daher die Darstellungsarten der abgebildeten Frauentypen rasch verbreiteten.
Anne Higonnet87 ortet drei Archetypen der Frauenbilder, die sich quer durch alle visuellen Darstellungsarten des 19.Jahrhunderts ziehen: Madonna, Verführerin und Muse.88 Sie finden Abbildung in Buchillustrationen, (Zeitungs-) Anzeigen, Photographien, der Malerei und im Kunsthandwerk religiöser wie weltlicher Provenienz. Diese Archetypen beinhalteten nicht nur Schönheitsideale und -vorstellungen, sondern auch Ansprüche des entsprechenden Verhaltensmodells, sie projizierten diese Vorstellungen auf überindividuelle Typisierungen von Frauendarstellungen:
,,Als Bild gestaltete Archetypen schlossen Individualität aus und beförderten rigide Unterscheidungen zwischen begrenzten Verhaltensmöglichkeiten.``89
Es ging nicht mehr darum, bestimmte Personen darzustellen, sondern verschiedenste Vorstellungen zu einem Typus zusammenzufassen, der als Gesamtes das Phänomen einer der drei Archetypen repräsentierte, sei es als ,,eine allegorische Figur oder die Verkörperung einer Idee``90.
So wurden auch die Ideale von madonnenhafter Weiblichkeit91 jenen der verwerflichen Verführerinnen gegenübergestellt: Werte und Eigenschaften wie Normalität, Ordnung, Sicherheit, pflichtgetreuer Häuslichkeit kontrastierten jene der Abweichung, Gefahr und Verführung, die in Prostituierte, aber auch politisch aktive Frauen, Arbeiterinnen und Farbige projiziert wurden. Diese Negativzuschreibungen wurden in der Bildgestaltung entsprechend umgesetzt, indem ,,die vom Weiblichkeitsideal abweichenden Frauen als groteske, verdorbene, unglückliche oder bestrafte Frauen``92 abgebildet wurden.
,,Der ,Kult weiblichen Invalidentums` [...]läßt sich[...] als wichtiger Bestandteil eines weiblichen Schönheitsbegriffes verfolgen, der bis heute Gültigkeit hat. So kann man zum Beispiel die Rückkehr de fahlen Teints und der eingefallenen Wangen als Merkmale weiblicher Attraktivität im 20.Jahrhundert [...] ebenso feststellen wie den immer wiederkehrenden Ausdruck des gehobenen sozialen Status durch körperliche Schlankheit. Und auch um 1900 gehen rollenspezifische Verhaltensmuster und Schönheitscode ineinander über. Grobschlächtigkeit, körperliche Schwere, Muskulosität hatten im Erscheinungsbild der ,Dame` keinen Platz.``93
Diese Bilder von Weiblichkeitsvorstellungen konnten erst ab dem 19.Jahrhundert stärker verbreitet werden. Die mit diesen verbundenen Ideale bzw. Abstrahierungen spiegelten in erster Linie die Wertvorstellungen des bürgerlichen Mittelstandes wieder, die durch die Verbesserung der Drucktechniken die Möglichkeit fand, Bilder von Weiblichkeit industriemäßig und mittelständisch umzuprägen. So konnten etwa religiöse Bilder nun mit Hilfe der Massenproduktion von Druckgrafiken kleinformatig hergestellt werden. Diese Heiligenbildchen erlangten eine weite Verbreitung in der Gesellschaft, sie wurden beliebte Sammelobjekte besonders mit dem Hintergrund, ,,Mädchen das katholische Rollenmodell und vor allem die Jungfrau Maria nahezubringen``94.
Ebenfalls sehr große Popularität erlangten die Frauenbilder in Modezeichnungen95 ab der Mitte des 19.Jahrhunderts, die dann im letzten Drittel dieses Jahrhunderts offen für kommerzielle Zwecke verwendet wurden und in Werbeanzeigen, wiederum Modezeichnungen und den Drucken in Illustrierten Niederschlag fanden. Wesentlich für die starke Verbreitung in diesen Medien zeichnet auch die Fotographie verantwortlich, die den Bereich der visuellen Darstellungsformen beträchtlich erweiterte. Higonnet betont deren Bedeutung bezüglich der Popularisierung zeitgenössischer weiblicher Themen, die das weibliche Publikum stark ansprachen und neue Identifikationsmodelle bereitstellte.96 Jedoch auch bei kommerzialisierten Frauendarstellungen galt:
,,Die beabsichtigte Identifizierung sollte sich nicht auf eine individuelle Person, sondern auf eine durch Raum und Kleidung definierte Inszenierung von Weiblichkeit richten.``97