Das Konzept der natürlichen Mutterliebe erfuhr gewaltige Aufwertung, um im Frankreich des endenden 18.Jahrhunderts die Kindersterblichkeit zu senken. Da im Zuge der Industrialisierung ein gesteigerter Bedarf an Arbeitskräften herrschte und das Kind als zukünftiger Arbeiter mehr Bedeutung erlangte, empfahlen Ökonomen und Philosophen, daß Mütter ihre Kinder selbst stillen und versorgen sollten und daß die Bedeutung der Mutterschaft insgesamt höher zu bewerten sei.83
In den Jahrhunderten zuvor war eher ein gewisses Desinteresse am Kleinkind und eine Abwertung der Beziehung zwischen Mutter und Kind festzustellen. Einerseits wurde bereits in der griechischen Antike dem Mann und Vater allein die zeugende Kraft zugestanden, sodaß die Frau sozusagen nur ihren Körper als Hülle für das Ungeborene bereitstellte, andererseits führten die insgesamt hohe Kinderzahl pro Familie und die hohe Kindersterblichkeit zu einer gewissen ,,Inflation`` der Mutterschaft und einer nicht zu engen Bindung der Mütter an ihre Kinder.84
Lorber weist außerdem (unter Bezug auf Badinter, Otis und Sussman) auf das Ammengeschäft im vorindustriellen Frankreich hin, das es selbständigen Handwerkerinnen und Ladenbesitzerinnen ermöglichte, ihren Beruf ohne Unterbrechung fortzusetzen und - trotz der Gefahr von Vernachlässigung und Tod der Kinder - ihre eigenen Interessen zu verfolgen.85
Mit der Erhöhung des Konzepts der Mutterliebe, das sich nach und nach in allen gesellschaftlichen Schichten durchsetzte, kehrten sich die bisher geltenden Normen diametral um:
,,Von nun an waren Frauen, die keine Kinder wollten, ihre Kinder nicht selbst versorgten, sich nicht persönlich um alle Bedürfnisse ihrer Kinder kümmerten, als unnatürlich und unnormal verschrien.``86