Durch Judith Butlers Kritik an der ausschließlichen Konzentration auf die soziale Komponente von Geschlechtsidentität in ihrem 1991 erschienenen Buch ,,Das Unbehagen der Geschlechter``, wurde auch das biologische Geschlecht (Sex) als Konstruktion - auf vordiskursiver Ebene - in die Diskussion aufgenommen. Butler gilt als ,,exponierte Vertreterin eines dekonstruktiven Feminismus, der dem theoretischen Spektrum des postmodernism zugerechnet wird.``38
Butler kritisiert die Unterscheidung Sex-Gender als nicht hilfreich, um vor biologistisch-naturalistischen Argumentationen gefeit zu sein und wendet sich gegen ein Konzept der Kategorien Sex-Gender, in dem diese als gegensätzlich aufgefaßt werden. Butler vertritt vielmehr die These, daß die Stabilität des Begriffs ,,Geschlecht`` erst dadurch verstärkt wird, indem die Dualität von Sex und Geschlecht auf eine vordiskursive Ebene verlegt wird, um so als natürlich proklamiert zu werden. Sie geht davon aus, daß in unserem (respektive dem westlichen) Denken das anatomische Geschlecht und die Körperlichkeit aufgrund biologischer Konstitutionen eben als ,,natürlich`` erscheint und fordert, ,,diese ideologische ,Selbstnaturalisierung` sexueller Differenz zu entlarven und an Stelle dessen Geschlecht grundsätzlich als soziokulturelles Konstrukt zu begreifen.``39
Butlers Kritik an der Unzulänglichkeit der Spaltung Sex/Gender führte zu der Einsicht, daß Geschlechtsidentität auch jene diskursiven Mittel umfaßt, ,,durch die eine ,geschlechtliche` Natur oder ein ,natürliches Geschlecht` als ,vordiskursiv`, d.h. als der Natur vorgelagert oder als politisch neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur einschreibt, hergestellt und etabliert wird.``40 Sie beruft sich darauf, Sex/Gender als Einheit, jedoch beide Begriffe gemeinsam als Konstrukt zu sehen.
Butlers zentrales Anliegen ist die Suche nach jener Art der Reformulierung von Geschlechtsidentität, die umfassend genug ist, auch die Machtverhältnisse zu beinhalten, welche den Effekt eines vordiskursiven Geschlechts hervorbringen und von welchen dabei eben dieser Vorgang der diskursiven Produktion selbst verschleiert wird.41
Eine Möglichkeit, Geschlechtsidentität anders zu denken, sieht Butler darin, den Begriff Körper zu dekonstruieren. Das heißt, ,,daß sie den Körper in Anlehnung an Michel Foucault nicht bloß in einem anatomischen Sinne begreift, sondern vielmehr als diskursiv produzierten Text.``42 Butler kritisiert an Identitätskonzepten, welche Gender und Sex voneinander trennen, daß der Körper hier zu einem rein passiven Instrument oder Medium reduziert wird. Sie erachtet den Körper selbst als Konstruktion. Die Herstellung geschlechtlicher Identitäten als Akte der ständigen Wiederholung vorherrschender Normen43 betont Judith Butler als Performativität, ,,als ritualisiertes Zitieren von normativen Äußerungen``44. Diese machen grundsätzlich Geschlecht und Geschlechtsidentität aus, wobei Geschlechtsidentität hierbei
,,nicht als feste Identität oder locus der Tätigkeit`` gedacht werden darf, ,,aus der die verschiedenen Akte herausgehen. Vielmehr ist sie eine Identität, die durch die stilisierte Wiederholung der Akte in der Zeit konstituiert bzw. im Außenraum instituiert wird. Da der Effekt der Geschlechtsidentität durch die Stilisierung des Körpers erzeugt wird, muß er als der mundane Weg verstanden werden, auf dem die Körpergesten, die Bewegungen und die Stile unterschiedlicher Art die Illusion eines unvergänglichen, geschlechtlich bestimmten Selbst (gendered self) herstellen.``45
Wichtig ist für Judith Butler auch die Betonung des konstitutiven Zusammenhangs von Geschlechterdifferenz und Heterosexualität. Die Unterscheidung der Menschen nach Frauen und Männern ist für Butler verknüpft mit dem System der Zwangsheterosexualität als grundlegende Machtformation und der Aberkennung des Personenstatus jener, die sich außerhalb dieses gesellschaftlich und kulturell vorgegebenen Rahmens befinden:
,,Die kulturelle Matrix, durch die die geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity) intelligibel wird, schließt die Existenz bestimmter Identitäten aus, nämlich genau jene, in denen sich die Geschlechtsidentität (gender) nicht vom anatomischen Geschlecht (sex) herleitet, und in denen die Praktiken des Begehrens weder aus dem Geschlecht noch aus der Geschlechtsidentität folgen.``46
Butlers Ziel ist es, ,,durch systematische Entnaturalisierung des Denkens von Geschlecht einen Vorstellungsraum für die verschiedensten Konstellationen von Körperlichkeit, Begehren und Identität zu eröffnen.``47