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4 Eines besser als das andere

Die Annahme allein, daß es Frauen und Männer gibt, also zwei gesellschaftlich anerkannte Positionen, die sich in ihrem sex unterscheiden, wäre noch kein Grund zur Kritik (außer für Menschen, die sich eben nicht einer dieser Kategorien zugehörig fühlen oder mit der Zuordnung unzufrieden sind). Als problematisch kann jedoch diesem Konzept vorgeworfen werden, daß diese beiden Kategorien zusätzlich zur bewußten Trennung innerhalb der Gesellschaft nicht als gleichwertig angesehen werden, daß es entlang einer Hierarchie Wertigkeitsunterschiede gibt, aus der sich die Organisationsstrukturen unserer Gesellschaft aufbauen. Ich habe im folgenden bewußt zwei Ansätze hervorgehoben, die beide von wirklichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern ausgehen (einmal mit Schwerpunkt auf die reproduktiven Differenzen, einmal in Hinsicht auf kognitive Unterschiede), doch auch bei diesen ist die Überlegung dahingehend, warum diese Differenzen nicht zu einer Feier der Vielfalt und Pluralität führen, sondern sie vielmehr besser oder schlechter bewertet werden.

Selbst wenn man, wie z.B. Goffman, davon ausgeht, daß es wesentliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, ist das allein weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung dafür, daß diese Unterschiede auch innerhalb eines hierarchischen Systems gewertet werden.

Goffman argumentiert21, daß zwar in bezug auf die biologische Gestalt Unterschiede bezüglich der Fortpflanzung, des Muskelaufbaus, des Gewichts, etc. zwischen Männern und Frauen bestehen, stellt diese jedoch in einen großen Kontext mit anderen Faktoren der Organisation der sozialen Ordnung (Bildungsunterschiede, kriegsbedingte Abwesenheit der Männer vom Arbeitsmarkt, Wehr- oder Zivildienst junger Männer, durch den diese auch über ein Jahr oder länger vom u.a. vom Arbeitsmarkt fernbleiben, etc.). Goffman stellt die daraus abgeleitete Hierarchisierung und institutionelle Reglementierungen, nicht jedoch die Unterteilung selbst in Frage.

Der Grundtenor seiner Überlegungen ist dahingehend, warum denn (in Anbetracht der Vielzahl weiterer, anderer Kategorien) gerade die durch biologische Unterschiede bedingten sozialen Konsequenzen als primäres Ordnungskriterium gelten können, ,,wie diese Unterschiede als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend gemacht wurden (und werden)22``, obwohl gerade in einer hochtechnologisierten Gesellschaft diese Unterschiede keine wirkliche Bedeutung für die tatsächliche Alltagsbewältigung darstellen.23

Ein ähnlicher Ansatz findet sich bei manchen Feministinnen, die Differenz zwischen Frauen und Männern wird bei diesen jedoch weniger in Bezug auf biologische oder physiologische Unterschiede gesehen, die Betonung liegt vielmehr auf kognitiven Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Diese Argumentationslinie geht jedoch davon aus, ,,daß Differenz nicht mehr mit Minderwertigkeit oder hierarchischer Ordnung gleichgesetzt wird.``24 So hat z.B. Sherry Turkle25 über die unterschiedlichen Programmierstile von Schulkindern geschrieben - Buben verfolgten demnach einen strukturierten, linearen und auf Abstraktion beruhenden Plan, um zum Ziel zu gelangen, während bei Mädchen eher eine Art von interaktionaler Beziehung mit konkreten Elementen des Computers eingegangen wurde. Wesentlich ist jedoch, daß beide Programmierstile gleichermaßen zielführend sind, problematisch sei erst die entsprechende Bewertung und Bevorzugung einer Vorgehensweise gegenüber der anderen durch die Lehrer.

Eine grundsätzliche Differenz im kognitiven Bereich vorauszusetzen erscheint mir aus zwei Gründen etwas problematisch zu sein: Zum einen ist jede Entwicklung spezifischer Herangehensweisen immer im Zusammenhang mit der Sozialisation zu sehen, die sich stets entlang der Geschlechtszuweisung bewegt. Je nach der Zuweisung zum weiblichen oder männlichen Geschlecht wird vom Individuum ein bestimmtes Verhaltensrepertoir erwartet, ein anderes weitgehend ausgeschlossen. Die Entwicklung bestimmter Fähigkeiten und Herangehensweisen an Problemstellungen wird gefördert oder gehemmt, je nachdem, welchem Gender das Individuum zugeordnet wird. Insofern ist z.B. auch der Programmierstil ein Ergebnis geschlechtsbezogenen Verhaltens genauso wie die Interaktion in der Gruppe oder beispielsweise aggressives oder zurückhaltendes Autofahren. Geschlecht wird insofern durch die Interpretation von ,,gutem`` und ,,schlechtem`` Verhalten konstruiert, und durch diese etablierten Verhaltenserwartungen manifestiert sich wiederum die Konstruktion.

Zum anderen scheint es sinnvoller, die Differenz nicht zwischen den Geschlechtsgruppen zu sehen, sondern allgemein auf die Unterschiede (seien es jene kognitiver oder physiologischer Art) innerhalb der Angehörigen der biologischen Frauen bzw. biologischen Männer zu sehen, die teilweise gravierender sind, als jene entlang der Geschlechtspolarität. Carol Hagemann-White weist anhand zahlreicher Untersuchungen darauf hin, wie klein die von vornherein gegebenen Differenzen sind und daß ,,die Anlagen und die Bereitschaft zu Leistungen und Verhaltensweisen nicht im strengen Sinne geschlechtstypisch verteilt sind.``26


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